Gedanken zum Thema zum Zuhören und selbst weiterdenken
Sie hören Klaus Bock – ganz privat, sehr nachdenklich und eines garantiere ich Ihnen: ich erzähle Ihnen bestimmt keinen Mainstream.
Sie stehen hier gerade an jener Stelle, an der Sie – auf halber Höhe oder in halber Tiefe, je nachdem – noch die kümmerlichen Reste einer zu Weihnachten 2012 abgestürzten Holztreppe sehen können. Es handelt sich um die sogenannte Königstreppe reps. Ihre Reste. Im Jahre 1833 entstand hier die erste, die Originaltreppe, die später abstürzte, wieder aufgebaut wurde, erneut abrutschte und wieder aufgebaut wurde – bis man das Aufbauen nach dem 2012er-Absturz schließlich endgültig sein ließ.
Lang war sie, steil auch. Aber sensationell? Nein. Nicht einmal damals. Eine einfache Holztreppe eben. Nur eine Treppe aus Holz. Nicht einmal poliert. Und doch war sie etwas Besonderes. Damals. Denn sie wurde eigens gebaut, um die russische Chronometer-Expedition zu empfangen – und deren würdige Vertreter, natürlich adlige Offiziere, standesgemäß vom Strand hinauf aufs Hochplateau von Kap Arkona zu geleiten. Die mussten schreiten können. Nicht klettern müssen. 45 Meter Höhenunterschied – stolz in 225 Holzstufen genagelt. Nicht prächtig, aber standesgemäß bequem.
Diese russische Expedition war tatsächlich etwas Besonderes. Sie sollte ein höchst störendes Problem lösen: das sogenannte Längenproblem der Ostsee. Längenproblem? Was soll das denn sein? Etwas Geografisches. Hat mit Koordinaten zu tun. Spannend, ja – aber eine lange Geschichte. Ich könnte sie erzählen, klar. Würde aber dauern... Also lassen wir’s. Nur so viel: Ohne exakte Längengrade – keine exakten Seekarten. Ohne Karten – kein sicherer Seeweg. Kein Handel. Keine militärische Kontrolle. Kurz: Chaos auf See.
Das Zarenreich, Preußen, Dänemark und Schweden – sie alle wollten Ordnung in die Geografie der Ostsee bringen. Zar Nikolaus I. ließ sich nicht lumpen. Er ließ ein supermodernes Dampfschiff bereitstellen – die „Hercules“, mit immerhin 240 PS. Damals: gewaltig. Der Name kam ja nicht von nichts.
Und König Friedrich Wilhelm III.? Der wollte sich ebenfalls nicht lumpen lassen. Am 4. April 1833 erließ er eine Kabinettsorder dahingehend: 1. An der Expedition mitarbeiten. 2. Treppe bauen. 3. Anleger bauen. 4. Die Herren der Hercules empfangen. Er selbst würde nicht kommen. Punkt.
Die Treppe wurde gebaut. Natürlich – die königliche Order! Da gab es kein Fragen und kein Verhandeln. Sie stieg 45 Meter über dem Meeresspiegel auf das Hochplateau – nicht in einer Linie, sondern mit mehreren sanften Absätzen, angepasst an das Gelände. Ich habe mal ausgerechnet, wie viel Holz für diese Treppe benötigt worden ist: Insgesamt wurden rund 15 bis 18 Kubikmeter verbaut – also das Holz von gut 20 Kiefern oder ein Dutzend ehrwürdiger Eichen. Das Gesamtgewicht des verarbeiteten Holzes dürfte ca. 10 Tonnen betragen haben. Diese 10 Tonnen Holz mussten nach Vitt, Breege oder Wiek verschifft und von dort mit Pferdefuhrwerken zum Kap transportiert werden. Aber evtl. hat man das Holz ja auch mit flachen Booten direkt zum Strand unter dem Kap transportiert. Möglich wäre es gewesen und am sinnvollsten auch. Und jetzt – bis hierhin war alles fast normal – jetzt kommt das schier Unfassbare: 59 Tage später war die Treppe fertig. In 59 Tagen! Fix und fertig. Nicht mal zwei Monate. Übrigens inkl. Anleger. Ohne LKW. Ohne Kran. Ohne computergesägten Fertigteile, ohne Bagger, und ohne Betonpumpe. Nur mit Menschen, die wussten, wie man mit Axt, Säge, Hammer und Nagel eine Idee in Holz verwandelt. Wie viele Handwerker werden hier gearbeitet haben? Ich habe es mittels einer Künstlichen Intelligenz überschlagen und bin auf 450 Manntage Arbeit in 59 Tagen gekommen – macht so ummara acht Handwerker. Fachmänner ihres Zeichens. Vielleicht also acht Zimmerleute (wobei mir das verdammt wenige erscheinen) – und einer, der wusste, wie’s geht.
Und heute? Heute würde man vermutlich erst mal 59 Tage lang Sitzungen abhalten. Nebenbei läuft ein internationaler Architektenwettbewerb und eine EU-weite Ausschreibung. Die ersten 20 Tage gehen schon mal dafür drauf, in den Verträgen – natürlich sechssprachig – das Wort „Königstreppe“ auf diskriminierungsfreie, gendergerechte Sprache zu prüfen. Müsste sie vielleicht König*innen-Treppe heißen? Dann: TÜV. Wahrscheinlich TÜV Rheinland. Danach: Gutachten. Dann Gegengutachten über die Gutachten. Und irgendwo in Bergen hätte man vorsorglich einen Sitzungssaal im Verwaltungsgericht freigeräumt – für die erwarteten Widersprüche.
Und dann, natürlich, wie kann man sie vergessen: Die Seeschwalben. Als Vertreter aller hiesigen Fliegetiere. Die hat damals übrigens niemand gefragt. Ist keiner drauf gekommen. Da hat einer wahrscheinlich in die Hände geklatscht, wenn er welche gesehen hat – mehr nicht.
Irgendwann wäre sie gebaut worden, unsere Treppe – oder besser, der Bau wäre begonnen worden. Zumindest wahrscheinlich. Dann Pause im gesamten Verfahren: Schwalbenschutz. Verstehen Sie mich nicht falsch: Ich liebe Vögel. Ich bin schließlich Zoologe. Aber wenn Piepmätze entscheiden, wo Geschichte stattfinden darf – dann weiß ich nicht, ob wir noch fliegen oder schon flattern.
Schlußendlich wäre die Treppe auch heutzutage fertiggestellt worden – das heißt Abnahme. Belastungstest. Wieder TÜV. Dann Prüfbericht. Freigabe der Treppe? Vielleicht. Ja, wahrscheinlich doch. Irgendwann. Und eigentlich – eigentlich war es mir eingangs ja nur um die 59 Tage Bauzeit gegangen. Sensationelle 59 Tage. Finden Sie nicht auch?
Vielleicht sollten wir mal über uns nachdenken – uns selbst und heute. Über eine Welt, die nicht mehr von Menschen für Menschen, sondern von Vorschriften und Bürokraten für Bürokratie – gerne auf EU-Basis – regiert wird. Eine Welt, die dadurch zwar bequemer geworden ist, evtl. sogar sicherer – aber nur für Bürokraten. Denken Sie mal drüber nach.
Und ich damit damit lasse ich Sie allein mit Ihren Gedanken.